Erlebnisse

Berichte

Estland 2012 Törnbericht Solveigh

Samstag


Voller Spannung stehen wir an Deck der Fähre, die uns nach Kuivastu, unserem Starthafen in Estland bringt, lassen uns den Wind um die Ohren pusten und halten aufgeregt Ausschau nach der Mytilus. Den Hafen können wir schon erkennen und einige weiße Masten, die hinter der grauen Hafenmau- er hervorlugen. Da, endlich – auch den Mast der Mytilus haben wir gesichtet. Hastig stürzen wir die Treppen herunter, um ja als Erste die Fähre zu verlassen und die Mytilus zu entern. Doch ein paar Stunden müssen wir uns noch gedulden. Während die Gruppe vor uns noch Klarschiff macht, singen wir uns schon mit den passenden Seemannsliedern in Stimmung und steigern unsere Ungeduld und Vorfreude ins Unermessliche. Irgendwann gehört die Mytilus auch uns und wir verstauen zunächst unsere Einkäufe und verteilen die Kojen. Sofort stellt sich auch die erwartete Gemütlichkeit ein, denn für elf Leute ist gerade genug Platz und der Regen zwingt uns, vorerst im Hafen zu bleiben und den angebrochenen Tag in der Messe mit Singen und den Theoriestunden von Ulf, unserem Skipper, zu verbringen.

Sonntag

Am nächsten Morgen können wir endlich die graue Hafenmauer, die uns die Sicht aufs Meer versperrte, hinter uns lassen, und wir neun Landratten, die fast alle auf ihrem ersten Segeltörn sind, bekommen nun auch eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt, wenn sich über einem die Segel bauschen, wenn man sich die Gischt ins Gesicht peitschen lässt, wenn der Bug auf die Wellen klatscht oder wie die Sonne auf die spiegelglatte See sticht. Dazu der fast endlose, weite Blick. All das wurde nun für eine Woche zu unserem Alltag, jeder Tag versprach neue Herausforderungen und wurde schließlich nie wie geplant. Trotz anfangs leichten Orientierungsproblemen an Deck, klappt es doch schon recht gut und wir halten Kurs auf die Insel Hiiumaa.

Mittwoch


Bei strahlend blauem Himmel und 27°C verlassen wir den einsamen, alten Fischerhafen, in dem wir anscheinend die einzigen Lebewesen waren. Noch nichts ahnend schaukelt Dania, die uns täglich fleißig mit selbst gebackenen Kuchen versorgt, am Klüverbaum vor sich hin und wir lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen. Doch das Glück mit dem Wetter ist uns nicht lange hold. Aber das ist uns auch mal recht – bei Wind, Wellen und Regen kommt Freude auf. Genau richtig, um das Boje- über-Bord-Manöver zu üben. Die Boje verschwindet so schnell wie man »Mann über Bord« rufen kann irgendwo in den Wellen und ist innerhalb von wenigen Sekunden mit dem bloßen Auge nur noch schwer auszumachen. Keine angenehme Vorstel- lung, man selbst wäre da draußen... Nach einer gefühlten Ewigkeit und drei Anläufen wird sie aber dennoch gerettet. Das Wetter wird nun auch endlich annähernd so, wie wir es uns gewünscht hatten: Gewitter, Regen und Wind peitschen uns ins Gesicht. Unsere für den Abend auserkorene Ankerbucht zwingt uns leider zur Weiterfahrt in den nächsten Hafen – der Untergrund ist hier einfach zu schlam- mig und der Anker will nicht halten. Wenigstens hatten die beiden etwas davon, die fünfmal wacker den Anker wieder raufgekurbelt haben, der Muskel- kater lässt nicht lange auf sich warten.

Donnerstag

Der nächste Tag empfängt uns wieder mit Hitze und strahlend blauem Himmel. Allerdings auch ohne Wind. Wir nutzen die Flaute zum Deck schrubben, schwimmen und »lianieren« vom Klüverbaum.

Samstag

So vergeht die Woche auf der Mytilus viel zu schnell, der Abschied fällt dementsprechend schwer und wird extra lange hinausgezögert. Schweren Herzens verlassen wir das so lieb ge- wonnene Schiff, während um uns herum alles zu schwanken scheint und der Schall der Schiffshupe zum Abschied noch dreimal durch den Hafen dröhnt. Aber ein Trost bleibt: Die Vorfreude auf ein Wiedersehen, denn das war erst der erste Törn.
Annika Meyer (Mädchenwandervogel Solveigh)

Schweden 2010: Törnbericht des CP Saar, von Greifswald nach Westervik

Mittwoch

Ich sitze auf einer Schaukel, die über der Ostsee hängt. Wenn ich mich nur ein wenig strecke, kann ich mit den Sohlen meiner Wanderschuhe Wasserski fahren. Vor mir nichts als Wasser und strahlend blauer Himmel. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich das Schiff, das mit seinem schwarzen Bug die fast glatte See durchschneidet. Aber ich lehne meinen Oberkörper so weit es geht zurück. Lege den Kopf in den Nacken. Das Meer wird zum Himmel und der Himmel zum Meer unter mir. Ich fliege über das Meer.

Samstag (vier Tage zuvor)

Die Mytilus in Greifswald zu finden, war nicht schwierig. Hier ist alles überschaubar und klein. Nur viel zu warm ist es. Und wir haben wenig Zeit. Es ist schon nach Mittag. Oppa, unser Skipper, meinte was von heute noch auslaufen, wir müssen noch einkaufen, laden und Fußball woll’n wir ja auch noch sehen. WM-Spiel, Deutschland gegen Argentinien. Im Supermarkt machen wir drei Einkaufswagen voll. So viel wie irgendwie reingeht wollen wir ins Schiff packen. Bloß unterwegs nicht einkaufen müssen, scheint das Motto zu sein, denn wenn wir schon mal die Möglichkeit haben unabhängig zu sein, wollen wir uns auch wirklich keine Gedanken über’s Essen besorgen mehr machen müssen. „Wie viel Mehl brauchen wir denn?“ „Ist doch egal. Pack einfach noch ein bisschen mehr ein.“ Wieder am Schiff sind unsere Nachzügler Jochen und Johei endlich auch da. Die Mannschaft ist komplett. Wir verstauen unseren Kram, dann Fußball. Deutschland gewinnt 4:0.

Sonntag

5:00 Uhr morgens! Warum eigentlich, zur Hölle. 5:00 Uhr morgens. Ach so, von hier bis Bornholm gibt’s kein Land. Das war der Grund, warum jetzt schon wecken ist. Anziehen. Alle Mann an Deck. Um 5:30 Uhr legen wir ab. Zunächst noch unter Motor gibt es erst nach dem Ablegen Frühstück. Das Schokomüsli ist viel zu süß und will irgendwie nicht rein. Klar, ist ja auch viel zu früh zum Essen. Unter Segel geht’s aus der Greifswalder Bucht. Die Mytilus dümpelt vor sich hin und schaukelt viel zu viel, bei so wenig Wind. Wir witzeln über Erics blasse Nase und erfreuen uns am Hau-Ruck, mit dem wir die Segel setzen. Flaute ist fies. Dann kommen gemeine Wellen von schräg hinten. Mir geht es gut. Bis ich auf dem Vorschiff eine Klampe belege. Erstmal hinlegen hilft nicht.


Auf dem Klüverbaum

Montag

Schon wieder Flaute. Schon wieder sind wir um 5 Uhr aufgestanden. Etwas resigniert werfen wir den Motor an. Wir haben keine andere Wahl. Heute noch müssen wir die schwedische Küste erreichen. Motoren ist langweilig. Oppa hantiert mit dem Schlauch, den es hier zum Lenzen und Feuerlöschen Gibt, an Deck rum. Als ich das nächste Mal hinschaue, haben wir eine Dusche auf dem Vorschiff. Gute Idee! Es ist eh viel zu heiß. Aus Langeweile werden Ideen. Was fehlt ist ein Pool an Bord. Aber wofür haben wir denn ein Schlauchboot. Irgendwann kommt dann auch wieder Wind auf. Stunden später bricht langsam die Dämmerung herein. Am Horizont vor uns taucht ein schmaler Streifen Land auf. „Könnt ihr das riechen?“ Der Duft von Kiefern liegt ganz leicht in der salzigen Luft. „Das ist Schweden.“ „Wann sind wir da?“ „In zwei bis drei Stunden.“

Dienstag

Ausschlafen. Die letzten drei Tage haben unendlich viel Kraft gekostet. Heute machen wir erstmal gar nichts. Schlafen bis zehn. Danach baden. Aber eigentlich ist es dafür viel zu kalt. Kein schönes Wetter, mit dem uns Schweden empfängt. Wir laufen aus und haben zum ersten Mal richtig viel Wind. Der Kahn geht ab... Boje über Bord! Oppa hat natürlich genau jetzt die Boje von Bord gehen lassen. Keine Ahnung wie so ein Mann-über-Bord-Manöver wirklich abläuft. Aber ich weiß natürlich, was ich zu tun habe. Jeder hat jetzt seinen Posten und macht nur genau das, was er soll. Wir fangen unsere Boje wieder ein. Mann gerettet! In welche Richtung geht es weiter? Ich scheine nicht der Einzige zu sein, der sich nach dem Manöver neu orientieren muss.

Mittwoch

Kalmarsund. Die Wasserstraße zwischen dem schwedischen Festland und der Insel Öland ist viel breiter als ich gedacht hätte. Ziemlich genau in der Mitte fahren wir dahin, links und rechts gerade ein kleiner Streifen Land am Horizont. Unser Ziel für heute: Kalmar. Einmal in der Mitte unserer Fahrt in einen Hafen, ein wenig Landgang und natürlich wieder Fußball. Verrückt. Zu Hause wäre mir das Spiel vielleicht sogar egal, aber auf dieser Fahrt hat es sich eingebürgert, dass wir Fußball sehen wollen. Es passt aber auch wunderbar in unseren Plan. Wir machen wieder Strecke. Bis zu unserem Ziel nach Västervik ist es noch weit. Der Wind kommt von hinten und schiebt uns problemlos mit 5 Knoten nach Norden. An Deck hat sich Routine eingestellt. Süßes Nichts-tun mit Buch oder Gitarre oder Navigation und sich am Ruder gegen die Wellen stemmen, die die Mytilus immer wieder für kurze Momente vom Kurs abbringen.


Navigation...

Donnerstag

Die Wege zwischen den Schäreninseln sind eng. Sehr eng. Wir fahren unter Motor Tonnenslalom. Kann nicht sagen, wie viele Inseln wir passieren, bis wir irgendwo in diesem Labyrinth unseren Ankerplatz finden. Mit der Nase des Schiffes, dem Klüverbaum voran, tasten wir uns an einen Felsen heran. Wir vertäuen die Mytilus an zwei Kiefern. Unseren Kuchen für heute gibt es oben auf dem Felsen. Am Abend auch noch ein kleines Feuer und Singen. Seltsam, ich habe genau hier das Gefühl angekommen zu sein. Ein schönes Gefühl nach den Tagen des Getriebenseins. Zum ersten Mal auf dieser Fahrt fiese Stechmücken.

Freitag

Die riesige Motoryacht zieht in vollem Tempo einfach so an allen Schiffen und Booten vorbei. Eine fette Welle rollt auf uns zu. Ich drehe den Bug in ihre Richtung und es knallt richtig, als der Rumpf der Mytilus wieder zurück ins Wasser klatscht. Verwunderlich, dass die kleine Jolle neben uns nicht gekentert ist. Der Herr mit dem schneeweißen Alukahn macht sich jedenfalls Freunde. Wir laufen in Västervik ein. Für ein letzten Abend ist die Mytilus unser. Morgen übergeben wir das Schiff an unsere Mädchengruppe, die von hier aus weiter Richtung Norden segeln wird. Aber noch ist es unser Schiff. Wolfgang Heisel (WoHei)

Schweden 2008: Jugendgruppe des Klosters Nütschau

Als totale Laien erreichten wir am Samstagabend (02.08.08) den Hafen von Nyköping in Schweden und damit die sagenumwobene "Mytilus", die uns nun 8 Tage lang von der Ostsee durch den Götakanal in den Vätternsee tragen sollte.


Voll beladen mit Lebensmitteln für die ganze Woche

Was müssen unsere Skipper Oppa und Steffi wohl gedacht haben, als sie uns vollbepackt über den Steg ankommen sahen? Sie hatten uns ja schon beim Vortreffen ein wenig kennen lernen können. Vielleicht fragten sie sich, ob wir all die nützlichen Tipps, die sie uns damals gaben, beherzigt hatten. Aber es zählte ja, was wir wirklich auf dem Schiff leisteten.
Nach einer Einführung an Bord, sollten wir eigentlich halbwegs im Stande sein, die Anweisungen unserer Mannschaftsführer ausführen zu können. Für mich war alles noch ein großes Fragezeichen. Wir wurden so mit Informationen zugeschüttet, dass ich am Schluss kaum etwas behalten hatte, geschweige denn Zusammenhänge verstanden hätte. Glücklicherweise ging es den meisten anderen ähnlich.

Schleppend ging es am nächsten Tag los. Es war zwar gemütlich in der Kajüte, aber eher gemütlich im Sinne von eng, als von bequem. Wenn man den Raum betrat, gab es links und rechts jeweils 4 Kojen auf zwei Etagen. In diesen war lediglich das Bewegen etwas schwierig. Wenn man dann aber seinen Platz gefunden hatte, konnte man gut schlafen, sofern man nicht vorhatte sich nachts hin und her zu wälzen. Zwischen den zwei hinteren, unteren Kojen wurde ein Tisch heruntergelassen, sodass auf dieser Ebene 4 Personen schlafen konnten ...hmm... sollten, denn weil ein Boot zum Bug ja für gewöhnlich spitz zuläuft, hatten wir zwar an unseren Köpfen genug Platz, aber an unseren Füßen gab es nachts immer ein lustiges Durcheinander.
So geschah es: Christian B, Steuerbord, ein gewohnheitsmäßiger "Wälzer", langte mit den Beinen hinüber zu Jonas, der wiederum zu Anka, Backbord, ausweichen musste, welche gezwungener Maßen dichter an mich rücken musste. Wenn das ganze dann noch von einem konstanten Schnarchen begleitet wurde, war die Situation echt extrem. Und wir sahen, dass es nicht gut war.
Nach einer ähnlichen Nacht ging es also am ersten Tag los. Kaum unterwegs, wurde auch schon die legendäre... hüstel... Fock-Gruppe gegründet. Wegen der Windverhältnisse, wollten wir an diesem Tag nur mit der Fock segeln. (Es ist das Segel, welches am wenigsten Aufwand bedarf.)


Fock-Gruppe in Aktion

So wurden die Steuerbord-Männer Jonas, David, Christian und Didi dazu auserkoren, diese Aufgabe zu übernehmen. Noch ahnte niemand, welche Auswirkungen das ganze haben würde. Wir können ehrlich zugeben, dass die Jungs gut mit der Fock zurechtgekommen sind.
Am Abend konnten wir sicher zwischen den Schellen ankern und sprangen erst einmal in die See.

Genauso starteten wir auch bei strahlendem Sonnenschein in den nächsten Tag. Wegen der günstigen Bedingungen ließen uns Oppa und Steffi neben der Fock auch noch den Klüver und das Großsegel setzen. Und damit fing alles an:
Es ist nun mal Tatsache, dass es anspruchsvoller ist, den Klüver zu setzen, als die Fock. Das wollte aber nicht jeder verstehen. Während also Anka, Jens, Nicole und ich vom Backbord im neu gegründeten "Team Klüver" versuchten Zusammenhänge zwischen Dingen wie Rackring, Wasserstag und Klüver zu verstehen, durften wir uns von der Fock-Gruppe, die ihr Segel bereits einfach aufgezogen hatte, konsequent Sticheleien anhören. Aber jeder erfüllt ja die Aufgaben, die er bewältigen kann. Darüber hat unsere Fockgruppe aber nicht nachgedacht ;-) Die Gruppe vom Großsegel (Gregor und Johannes) verhielt sich in diesem Kleinkrieg eher zurückhaltend, obwohl man munkelte, dass das Großsegel noch anspruchsvoller wäre, als der Klüver. Dieses Team lieh sich gelegentlich zwei Mitglieder beider Parteien aus, blieben aber unparteiisch.


Auf hoher See

Doch bald schon wurden diese kleinen Feindschaften wieder vergessen (aber nur für kurze Zeit), denn aus dem sonnigen Morgen mit leichter Briese wurde ein wolkiger Nachmittagshimmel mit einem ausgewachsenen Seesturm. Keiner von uns war darauf vorbereitet gewesen. Die T-Shirts und kurzen Hosen wurden nach erstem Wetterumschwung schon gewechselt, mit den ersten Regentropfen holten wir unsere Regenjacken raus und bald sahen wir ein, dass wir ohne Regenhosen auch nicht mehr weit kommen würden.
Aber dieses Schaukeln... Ich war als erstes außer Gefecht gesetzt und wurde mit Tee und Schokolade in der Hand dazu geordert, den Horizont nicht aus den Augen zu lassen. Bald bekam ich Gesellschaft von Anka. Und auch den anderen wurde zusehends unwohler. Kaum einer vermochte noch in die Kajüte hinab zu steigen, um seine eigenen Sachen herauf zu holen. Als der Wellengang noch nicht den Höhepunkt erreicht hatte, gelang es Leuten wie David, Jonas, Christian oder Johannes noch für kurze Zeit die Übelkeit zu vergessen und wagemutig für uns Stiefel oder Jacken zu besorgen, doch auch dann mussten selbst sie kapitulieren. Einzig Didi konnte sich noch fröhlich unter Deck aufhalten und musste sich notgedrungen um uns alle kümmern.

Es war eine Tortur: Regen, Wellen, Sturm. Die Mytilus trieb wie eine Nussschale auf der Ostsee und ging mit den Wellen auf und ab. Es wird einem doch wirklich etwas mulmig, wenn die Wasseroberfläche nur noch einen halben Meter vom Bootsrand entfernt ist. Oppa sprach uns gut zu und gab weiter seine Anweisungen, die wir so gut es ging durchführten...
Längst waren die Segel, wieder geborgen und es galt nur noch auszuhalten, bis wir den nächsten Hafen erreichen würden: Oxelösund, eine recht unattraktive Industriestadt, welche für uns in diesem Fall aber einen außergewöhnlichen Reiz bot: Hafenduschen mit Warmwasser. Nebenbei konnten wir auch anlegen und dem Seesturm entgehen.
Deshalb blieben wir auch noch einen weiteren Tag hier und lernten die schwedische Bevölkerung von seiner ganz charmanten Seite kennen.


Mit Regenzeug im Hafen von Öxelesund

Wir wollten uns die Zeit vertreiben und die Innenstadt erkunden. Wie wir feststellten, hatten wir die Wahl zwischen folgenden Attraktionen: eine bunkerähnliche Kirche (welche von Innen aber sehr schön war), ein Springbrunnen, kostenloser Internetzugang in der Bibliothek, ein Supermarkt und ein Twix-Ausverkauf. Gekrönt wurde dieser ereignisreiche Nachmittag von Bekanntschaften mit Patrik, einem freundlichem Gemüt, der den gesamten Nachmittag mit seinen zwei Freunden und Bierflasche auf der Bank vor dem Supermarkt verbrachte, und schwedischen Teenagern in zerrissenen Strumpfhosen, Greenday anbetend und darauf aus, unseren Jens kennen zu lernen.
Scheinbar gab es in dieser Stadt auch für die Bewohner wirklich nichts zu erleben...
Es war also nicht bedauerlich, als wir am nächsten Morgen wieder abreisten. Alles nahm wieder seinen gewohnten Lauf: Oppa und Steffi lehrten uns das Segeln, während wir Kuchen aßen und uns automatisch wieder in die zwei Lager Fock-Gruppe und Team Klüver teilten.
Heute übernahm Johannes außerdem die Aufgabe des Navigierens. Er als Mönch hatte natürlich den Riecher: Wir waren noch mitten auf der Ostsee, um uns herum nichts als Wasser und einsame Inseln, aber er findet eine Kapelle.


Capella oecumenica - ein kleiner Garten Eden

Nun, so eine Seltenheit konnten wir uns als Jugendhäusler natürlich auch nicht entgehen lassen und ließen uns von unseren Skippern dorthin lotsen. Diese kleine Insel war mit dem Garten Eden zu vergleichen und entschädigte uns gänzlich für die Unannehmlichkeiten der vorherigen Tage. Ein älteres Ehepaar empfing uns herzlichst, führte uns über die Insel und lud uns zum abendlichen Gebet auf Schwedisch ein. Im Gegenzug präsentierten wir uns bei unserer Komplet auch von der besten Seite.
Ich kann diesen Aufenthalt nur als durchweg angenehm beschreiben. Naja, vielleicht nicht durchgehend, jedenfalls nicht für alle. Angekommen auf dieser Insel, ließen wir uns erst einmal nieder. Wir verteilten uns über die Felsen und schauten der Sonne zu, wie sie das Meer zum Glitzern brachte. Plötzlich wurde diese Idylle von einem lauten FLATSCH gestört. Wir schauten auf. Nicht jeder hatte sich damit zufrieden gegeben, einfach nur da zu sitzen. Jonas, Christian und Jens waren munter auf den Felsen herumgeturnt und Jens' Übermut wurde mit einem erfrischenden Bad belohnt. Vielleicht hätten wir etwas Mitleid zeigen sollen... vielleicht... aber als er bei seinen Befreiungsversuchen erneut auf den glitschigen Steinen ausrutschte... nein... unmöglich.

Nach diesen wunderbaren Segeltagen, sollten wir auch bald die Schattenseiten kennen lernen. Sie warteten im Göterkanal auf uns. Unausweichlich, aber mit viel Mühe und Geduld würden wir sie bezwingen können, die gnadenlosen 37 Schleusen des Göterkanals. Wir hatten nun endlich die Gelegenheit, Schleusen in allen Variationen zu erleben: große Schleusen, kleine Schleusen, Doppelschleusen, Schleusentreppen, automatische Schleusen, manuelle Schleusen...
Und für jeden wartete eine neue Aufgabe. Team Klüver und die Fock-Gruppe konnten wieder einmal ihre gewohnten Rollen wechseln, denn mit dem Segel setzen war es im Kanal nun endgültig vorbei, stumpfes Fahren mit dem Motor. Kein "Klar zur Wende" würde ertönen und niemand würde sich um die Segel kümmern und auch unser Dirk würde in dieser Zeit einsam bleiben.
Aber es ergaben sich ganz neue Möglichkeiten. Wir konnten zwischen den Schleusen abwechselnd zu Fuß laufen, lernten Seile zu werfen und festzuziehen, Anka schloss Freundschaft mit Bömmelchen (Was sagt Dirk eigentlich dazu? ;-)) oder übten uns ganz einfach in Geduld.


Achtung Schleuse! Eine der 37 Kanalschleusen

Ich muss zugeben, dass es zwischendurch doch etwas monoton wurde, aber diese Arbeit gehört zum Segeln dazu und jeder blieb seiner Position treu. Außerdem wurden wir am Abend wieder einmal mit einem außergewöhnlichen Ankerplatz belohnt.
Das Paradies im Nirgendwo. Felsen, Bäume, Sträucher und Moos lockten zum Landgang, wobei wir allerdings erstmal über den Klüverbaum balancieren mussten. Kein Problem. Manch einem stieg diese unberührte Natur auch zu Kopf und erweckte den Urinstinkt des Jagens. Furchterregender als sonst waren unsere Herren trotzdem nicht.
Wie gern wären wir noch länger hier geblieben, aber die Schleusen riefen. Es waren viele, die es noch zu überwinden galt. Was war das für ein Hochgefühl, als die letzte dieser unangenehmen Hindernisse endlich bezwungen war.

Bedeutete dieses Ereignis auch das nahende Ende unserer gemeinsamen Reise? Eigentlich wollten wir an unserem letzten Tag auf See noch ein letztes Mal das komplette Segelgespann auffahren und Team Klüver und die Fock-Gruppe wollten noch einmal ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Dazu sollte es aufgrund der Windverhältnisse bedauerlicher Weise aber nur ganz kurz kommen. (Die Fock-Gruppe hätte bestimmt alt ausgesehen).
Einen schönen Abschluss gab es trotzdem: Davids Geburtstagsfeier in einem Haus der gastfreundlichen Birgitten-Schwestern in Vadstena und natürlich unser geliebtes Daim-Eis.

Nachtwache

Der Fünfer-Rhythmus,den wir als Wachsystem eingeführt haben gefällt mir gut. Heute Nachmittag hatten wir frei, ich habe die meiste Zeit verschlafen, es war auch kein spektakulärer schöner Sommertag, nein, war es wirklich nicht, und der Schlaf hat gut getan. Um sieben gab es Abendessen, wenn sich auch Ralf* dieses Mal nicht gerade selbst übertroffen hat. Angebrannter Reis mit einer dünnen, miesen Tomatensauce. Bäh! Selbst das Getränk zum Nachspülen hat den Geschmack nicht völlig vertreiben können und wir saßen mißmutig herum bis wir, sogar ein wenig zu früh, die Nachmittagswache abgelöst haben.

Meike meint, so ein Essen abzuliefern sei auch eine Methode, um sich für die Zukunft vorm Smuten zu drücken. Schon heute morgen hatte es die versprochenen Spiegeleier nicht gegeben und den Kaffeee erst im zweiten Anlauf. Die Freiwache hat sich nach unserer Meckerei gar nicht erst mit dem Reis befaßt, sondern gleich Brote geschmiert, sich ein Kaffeee gegriffen und schaut nun in Lee auf den Sonnenuntergang, der sich am Horizont langsam vorbereitet und schon mal rote Strahlen von unten gegen die Wolkendecke schickt.

Meike tuschelt: "Schau mal, Bine und Frank hocken schon wieder aufeinander. Soll sie ihm doch gleich auf den Schoß springen." Uns ist natürlich allen klar, was da läuft. Natürlich sind auch mindestens zwei aus der Crew eifersüchtig, denn Frank und Bine gelten nach den landläufigen Vorstellungen als sehr attraktiv. Im Logbuch ist der 27. Juni als Datum eingetragen und so ist es um halb neun noch hell, die Sonne steht, nachdem es aufgeklart hat, noch gut über dem Horizont. Der Kurs steht und der Wind läßt mit dem beginnenden Abend ein wenig nach, die Nacht verspricht angenehm zu werden. Der Abendtee ist getrunken, die Freiwache schlummert. Meike nörgelt ab und zu noch herum und klagt, daß die blöde, blöde Bine schon zweimal den Typen, den sie auch gerade und jetzt schon wieder und warum denn und so weiter...

Langsam geht die Sonne unter. Das Topsegel und der Flieger sind geborgen und auch Meike ist still, insgesamt wird es ruhig. Die Konturen des Landes und der Horizont verschwimmen allmählich. Mit der schwindenden Außenwelt schrumpft der Raum auf die Grenzen unseres Schiffes zusammen und läßt es größer werden. Meine Wahrnehmung, die sich zuvor bis zum Horizont ausbreiten durfte, muß sich jetzt mit der kleinen Welt von 14 Metern Länge zufrieden geben, da bekommt jeder Zentimeter Holz ein wenig mehr Platz im Kopf. Selbst das Vorschiff ist nur zu erahnen und die Segel schimmern blaß und ohne Konturen, unscharf wie Gespenster. Die Schanz ist die Grenze dieser eigenen, kleinen Welt. Von dort aus sehe ich, wie die kleinen Wellen aus dem Nichts kommen und hinter dem Schiff wieder ins Nichts verschwinden. Am Heck schäumt es strudelig am Ruder und wir ziehen einen Schweif von Meeresleuchten hinter uns her. Aber selbst der verliert sich nach wenigen Metern. Schade, daß wir nicht ins Wasser pinkeln dürfen. Dabei erglüht noch ein Zusatzleuchten, das sich rückwirkend bis hin zur Quelle zu ziehen scheint und auch ihr einen gewissen persönlichen Schein verleiht.

Eva erzählt vom Atlantik, wo das Meeresleuchten so stark war, daß sie es mit Kaffeeefiltern herausfiltern und in Marmeladengläser füllen konnten. In der Koje brauchte man es nur zu schütteln und hatte einen sanft leuchtenenden Trost in einsamen Stunden. Das wäre jetzt was für Meike.... Es ist immer ein komisches Gefühl, wenn die Dämmerung in die Nacht übergeht. Irgendwann ist der Horizont nur noch zu ahnen und dann verschwimmt er, es ist oben und unten dunkel. Wenn ich mich innerlich fallen lasse, verliere ich meine Orientierung im Raum, es gibt keine Bezugspunkte mehr. Das Schiff neigt sich und richtet sich auf, aber ich spüre es nur noch, sehe es nicht mehr. Das Schiff scheint sich schwerelos im Raum zu bewegen. Ich spüre auch die Vorwärtsfahrt nicht mehr, nur noch das sanfte Geschaukele. Die Wellen verlieren ihren Geschwindigkeitscharakter, wenn sie am Boot entlangrauschen und selbst wenn wir sehr schnell fahren, gleicht das Gefühl eher einer Nacht am Strand. Man sitzt und die Wellen kommen auf einen zu, platschen am Ufer entlang und weg - und selbst sitzt man still. Ab und zu knarzt die Klau (könnte mal wieder gefettet werden) und ich spüre noch mehr als sonst die der Mytilus eigene sanfte Weichheit des Riggs, dieses fühlbare Nachgeben der Schoten, Wanten und Segel in den Böen, ich fühle, wie sich der Widerstand gegen den vermehrten Druck aufbaut und das Schiff sich langsam wieder aufrichtet und entspannt. Fast ist es, als würden Rigg und Rumpf im Wind atmen.

"Ich hab' da einen Leuchtturm an Backbord..." Zack, weg ist die Schwerelosigkeit, der Horizont ist durch Menschenhand wieder zwischen Himmel und Erde geschaltet und bietet Orientierung. Die Kennung des Turms und der elektronische Betrüger in der Navi verraten uns, daß wir auf dem rechten Kurs sind, ein zwei Tage werden wir wohl noch segeln. Kurz bevor ich wieder in meine halbmetaphysischen Gedanken zurücksinke, hebt Meike wieder an: "Kennst Du das auch?" "Was?" "Daß, wenn Du hier so sitzt, auf einmal viele Gedanken klarer werden?" "Dafür werden aber andere durchaus noch viel unklarer, weil man über manche Dinge sonst gar nicht nachdenkt." "Ja, schon, aber zum Beispiel das jetzt wieder mit der Bine und dem Frank, das geht mir durch und durch und ich finde es auch ungerecht. Wie kommt das denn, daß die Bine immer so viel Erfolg hat bei den Jungs und ich nicht?" Und sie erzählt, nachtwachentypisch, von Bines angeblichen Liebesabenteuern und ihren eigenen verpaßten Chancen. "Ich bin aber viel lieber mir Dir zusammen als mit Bine", schaltet sich Markus aus dem Dunkel ein und enthebt mich einer Antwort. Meike rückt ins Dunkel hinein und während ich wieder ins Grübeln verfalle, dieses Mal über meine eigenen Liebesgeschichten und ihre Mißerfolge, höre ich Meike mit Markus reden. Na siehste wohl....

Das Wasser in Lee leuchtet gespenstisch grün im Widerschein der Positionslaterne. Die angeleuchtete Welle rauscht und scheint zu Leben zu erwachen. Sie steigt hoch und aus ihr formt sich schnell und schemenhaft eine fiese Seegestalt, die im Schutz der Dunkelheit auf das Vorschiff klettert und davonhuscht. Die Stimmen und Geräusche an Bord sind im Dunkeln viel schwerer zu orten. Sie kommen wie die Wellen aus irgendeiner Richtung, verraten aber ihre Herkunft nicht. Wer weiß schon, ob die Kette, die vorne geklappert hat, vom Ausguck angestoßen worden ist oder nicht doch von irgendetwas anderem? Vorne ist aber wieder alles still. Karin hat eigentlich Freiwache, will aber morgen smuten und darf deshalb durchschlafen. Sie hat lange in der Messe geklappert und jetzt zieht ein genialer, noch unklarer Duft über das Deck. Klasse. Die Luke schabt auf und Karin schiebt sich vorsichtig, rückwärts, ein Tablett balancierend den Niedergang herauf. "Halbe Wache: Jemand Waffeln mit Sahne und Kaffeee?" "Ey, endgeil, ey. Ich werd' wahnsinnig. Super." Meike und Markus stehen schon neben dem Tablett. Nach einiger Zeit bekomme ich auch eine Waffel und genieße. "Voohme um mach Wee iff awweff kaaah." "Wee bebbe?" Mein Mund ist voller Waffel und mein "Wie bitte" etwas undeutlich, aber das habe ich nun wirklich nicht verstanden. Ein Schmatzen aus dem Dunkel beendet einen zu großen Bissen: "Vorne und nach Lee ist alles klar. Ich geh gleich wieder nach vorne." Jürgi war vom Ausguck aus seinen Instinkten gefolgt und hatte Futter gejagt. Wenigstens hat ihn das Ungeheuer nicht erwürgt.

Der Mond geht auf. Auf einmal wird es wieder hell, die Wasseroberfläche verwandelt sich fast vollständig in ein silbriges Geglitzer. Jede kleine Welle wirft uns einen hellen Strahl Mondlicht zu. Alle Schaumkronen auf den Wellen werden zu purem beweglichem Silber. Meike wieder: "Wie schön, daß die Spiegelung gerade genau auf unser Boot zeigt." Das wird nicht kommentiert. Schön ist es allerdings, da hat sie recht, es ist fast unerträglich schön. In der finnischen Wildnis ist uns einmal auf einem mondbeschienenen See mitten durch den Silberstrahl des Mondes eine Entenfamilie geschwommen. Das war dann zu viel des Kitsches und wir sind gegangen. Hier können wir nicht weg und müssen das Schauspiel bewundern, aber es läßt sich auch gerade noch aushalten. Langsam streicht die Zeit vorbei. Wir peilen noch den ein oder anderen Leuchtturm und die kleinen Kreuze auf der Seekarte vervollständigen sich zu einer immer länger werdenden Linie. Eine Rekordmeilenwache wird das nicht, die Kreuze liegen viel zu dicht beieinander, dafür sind die vier Stunden sehr geruhsam und außerdem gleich vorbei. "Chrischan, es ist schon zwanzig vor zwölf, soll ich die Anderen schon wecken?" "Ja, mach man - aber nicht so wie gestern...und setz bitte Kaffeee auf." Penetrant schweigend verschwindet Meike unter Deck. Gestern hatte sie der Freiwache einfach die Schlafsäcke weggezogen, nachdem diese nicht gleich aufgestanden war. Mit der Rache der anderen Wache war sie wohl auch nicht einverstanden, was genau vorgefallen ist, wollten aber weder Meike noch die Wache verraten. Heute wird jedenfalls ganz lieb geweckt. Die ersten verschlafenen Gesichter erscheinen und strecken ihren Kopf an die frische Luft "Moin" - "Moin" - "Ruhige Wache." - "Schön, wo sinnwa denn?" - "Zwanzig Meilen weiter." - "Schön", und verschwinden wieder.

Im Vorschiffs und unter mir in der Achterkoje kann ich das Gerummel hören, mit dem sich halbwache Körper im Halbdunkel in schwankender Umgebung in ihre Kleidung zwängen. Bald darauf erscheint die andere Wache und verlangt nach Kaffeee. Ich trinke mit Jürgi noch einen Tee und freue mich auf meine Koje und ein paar Stunden Schlaf. Mehr als dreieinhalb werden es wohl nicht, denn um vier stehen wir schon wieder hier. Morgen Abend sind wir am Ziel.

*Name von der Redaktion geändert.

Frühstück

Sanft werde ich von einer warmen Welle emporgehoben, ich blicke vor mich und sehe in der Ferne den hellen Strand in der Sonne blinken und davor das glitzernd blaue Wasser. Mit ein paar lässigen Kraulzügen schiebe ich mich vorne auf den Wasserabhang und gleite mit der sich aufbäumenden Welle auf den Strand zu. Ein paar Mal drehe und wende ich mich in der wohligen Wärme und lasse mich strudelnd vorwärts ziehen, da rüttelt es mich durch. Erst kurz, dann noch einmal und stärker, sehr unsanft zwängt sich etwas zwischen mich und die Südseewelle: "Hei, Aufstehen, hei, Christian, du bist Smut heute, aufwachen..." "Laß mich doch in Ruhe, Mensch!" Ich drehe mich im Schlafsack auf die andere Seite wie kurz zuvor noch im warmen Wasser, aber nichts zu machen - die Sonne und die Wärme und das Wasser sind weg. Nur das Schiff mit meiner Koje wird sanft emporgehoben und gleitet, sich langsam auf die Seite legend, eine Welle herab. Das Wasser rauscht an der Bordwand entlang. Ich quäle meine Hand aus dem Schlafsack, taste mich in das Schwalbennest vor, wühle nach dem Wecker - halb sieben! überhaupt nicht einzusehen, daß man als Smut so früh aufstehen soll. Die Hand gleitet wieder ins Warme, der Adrenalinstoß des ersten Weckens verhallt in meinen Adern und die Südsee meldet sich wieder. "Heeeiii! - Wir wollen gleich was zu essen....Du warst doch derjenige, der meinte, daß der Smut um halb sieben aufstehen sollte...Außerdem hast du uns Spiegeleier versprochen."

Müde halte ich mich wenig später in der Pantry fest, denn das Schiff schwankt ganz ordentlich. Verschlafen und unorganisiert wandern die Augen hin und her. Der Wasserkessel in der dunklen Ecke hinten macht ssssss-klack, wenn er nach backbord gegen das Regal ruscht und ssssss-frinnggg, wenn er steuerbord von seinem Tüddelbändsel aufgefangen wird. Die Thermoskannen machen alle zusammen klklklklack, sowohl nach links wie nach rechts und die Tellerstapel ganz schnell hintereinander kliklikliklikliklick, weil die Teller einzeln die Wand erreichen: klikliklikliklikliklik. Schöne Geräusche, dabei könnte man glatt einschlafen. Mein Kopf vor der oberen Schlingerleiste macht pock! Au! Mist. Sch... Der Knoten am Wasserkessel wehrt sich eine Weile, dann beteiligt sich auch die Wasserpumpe an der Geräuschkulisse pffsscht- pffsscht- pffsscht- pffsscht- pffsscht. Hinten rechts kann man den Kessel gut festklemmen, die Halterung mit ihren offenen Rundungen umfaßt den Blechtopf, und wenn man die Tülle in Längsrichtung des Schiffes ausrichtet, schwappt auch der volle Kessel nicht über.

Aus der Backskiste suche ich den restlichen Frühstückskram heraus und wundere mich wieder, daß es kein Nuss-Pli gibt. (Seit Nuss-Pli auch im Glas zu haben ist, gibt es keinen Grund mehr, Nutella zu kaufen.) Jetzt ist es Zeit die nächste Wache zu wecken, schnöde Rache für das eben erlittene Geschick. Ich nehme mir vor, sie später nach ihren Träumen zu fragen, vielleicht war ein besonders schöner dabei, der mein Rachebedürfnis endgültig befriedigen würde. Während ich die Kaffeeekanne mit drei Fingern der einen Hand festhalte und mit den restlichen zweien den Filterhalter mit dem Kaffeeefilter und dem Kaffeeepulver obenauf balanciere, suche ich nach einem festen Stand, um den Wasserkessel greifen zu können und dann das Wasser schön in die Mitte des aufgehäuften Kaffeeepulvers platschen zu lassen. Ich schaffe das ganz locker, nur die große Thermoskanne auf der Anrichte macht leicht ssssrr, ssssrr und rutscht ein bißchen hin und her. Das System ist jetzt starr und bildet eine gerade Linie: Oben Wasserkessel, die Tülle genau über dem Filter, darunter die Kanne, die Anrichte. Jetzt kippen. Leider kippt auch das Schiff. Und zwar von links nach rechts und umgekehrt. Im Gegensatz zu meinem Kaffeeeturm drängt das aus dem Wasserkessel befreite sehr heiße Wasser sofort danach, den Gesetzen der Schwerkraft zu folgen und fließt lotrecht nach unten. Nicht in den Filter, da mein System gerade auf Backbordbug liegt. Statt dessen auf meine Finger, ich lasse alles los, schreie laut und der Kaffeee landet überall.

Mittlerweile rumort es im Vorschiff die ersten verschlafenen Gesichter driften an mir vorbei ins Klo oder den Niedergang hinauf, um einen Rundumblick zu wagen. Es sind geradegestellte, müde Gesichter, noch ohne Mimik, die nicht einmal die Sauerei vor der Pantry beeindruckt. Nachdem das meiste notdürftig weggewischt ist, kommen meine mittlerweile etwas wacheren Frühstücksgäste, krabbeln auf die Bank und bekommen keinen Kaffeee. Das gefällt ihnen nicht, auch nicht der als Ersatz angebotenenTee. Mißmutig schmieren sie ihre Brote und fragen nach den Eiern. Ich filtere zuerst den Kaffeee, was im zweiten Anlauf leidlich gelingt. Die Pfanne wird auf der vorderen linken Flamme festgeklemmt, ein Schuß öl hinein, das sich zäh auf den Boden der Pfanne verteilt. Langsam erhitzt sich das Metall und das öl beginnt mit den Bewegungen des Schiffes hin und her zu fließen.

Ich greife mir das erste Ei, schlage mit dem Pfannenwender eine Kerbe in die Schale, breche sie auseinander und lasse Eiweiß und Eigelb in die Pfanne flutschen. Fett spritzt auf, die unterste Schicht wird gleich weiß, in der Schicht darüber glitscht das Eiklar mit dem Dotter noch weiter zum Pfannenrand. Da wir eigentlich auf Steuerbordbug segeln sammelt sich in der festen Pfanne ein kleiner See, in dem ein Dotter schwimmt, auf meiner Seite. Rundherum ist er von öl umgeben und alles schwappt. Noch einmal nach Backbord, mit Schwung wieder zu mir und flupp-glitsch über den Rand. Mist.

Ich könnte nun schreiben, daß der Dotter ganz geblieben sei, noch auf der Anrichte sich befände und leicht und ungesehen sich mit dem Pfannenwender wieder in die Pfanne befördern ließe. Er liegt aber auf den Bodenbrettern, was mit Hohngelächter und Buhrufen von der Bank quittiert wird. Wieder muß ich wischen, die Bank mit den billigen Plätzen gibt weiterhin keine Ruhe und ich tropfe wieder öl in die Pfanne - vorsichtig - und schlage das nächste Ei hinterher. Dieses bleibt in der Pfanne und sammelt sich wie sein unglücklicher Vorgänger in der mir zugewandten Ecke. Sofort (Sofort!) im Anschluß hebe ich die Pfanne mit dem Ei-See an, damit das Spiegelei nun nicht keilförmig gebraten wird, weil der Pfannenboden schräg liegt, die Oberfläche des Eiweißsees aber gerade bleibt, sondern, wie Spiegeleier zu sein haben, schön flach und knusprig wird.

Jetzt kommt mir die Schwerkraft zu Hilfe, denn am Eidotter, der wie die Libelle einer Wasserwaage hin und her schwappt, kann ich prima sehen, ob ich die Pfanne wirklich waagerecht halte. Mit den Bewegungen des Schiffes und dem gleichzeitigen Kippen des Herdes hebe und senke ich die Pfanne, damit es ein gutes, ehrliches Spiegelei wird. Ich konzentriere mich, sorge für einen festen Halt und rutsche auf den Resten des ersten Eis aus. Ich rutsche mit den Beinen vom Herd weg und nach hinten unter den Tisch, mit der einen Hand versuche ich mit dem Bratenwender irgendwo Halt zu finden, mit der anderen Hand reiße ich das zweite Ei, dieses Mal mit der Pfanne, über die Kante auf den Boden. Das Schiff legt sich auf die andere Seite und ich rutsche in das Ei und das öl und die Pfanne hinein. Nicht mein Tag heute. Und die auf der Bank haben immer noch Hunger, den Glauben an die Spiegeleier aber längst verloren. Nachdem ich erneut kopfunter die Bilge geputzt habe, ist mir auch noch schlecht und ich stürze zum Klo. Erneutes Hohngelächter verfolgt mich. Als ich zurückkomme, essen sie alle friedlich Brote mit Marmelade. Ich esse erst einmal nichts. Auch dieser Tag wird vorübergehen...