Sommer 2024: »Einmal eine Nachtfahrt machen«

Törngebiet 2024

Es ist Ende Juni und wir sind auf dem Kleinen Belt unterwegs in Richtung Norden. Die Woche über ist ein Hoch angesagt, viel Sonne, wenig Wind. Der Skipper Alexander überlegt nicht lange: es wird eine Nachtfahrt geben. Unser Bootsmann schnitzl braucht sie sowieso für die Qualifikation zum Wachführer. Die Gruppe will so viel es geht segeln. Und ich? Ich wollte schon immer einmal eine Nachtfahrt machen.

Wir planen eine Nachmittagsruhe ein. Es geht ohnehin den ganzen Segeltag kaum Wind. In den Snævringen, der Meeresenge zwischen Kleinem Belt und Kattegat, erzeugt der sonst unerhebliche Tidenhub der Ostsee eine für die Wetterlage erhebliche Strömung. Wir wollen deshalb die Flut abwarten und mit ablaufendem Wasser ab 22:00 Uhr aus dem Kleinen Belt auslaufen. Die Gruppe teilt sich in zwei Wachen ein, eine für die Zeit von 21:00 bis 24:00 Uhr, die andere für 00:00 bis 03:00 Uhr. Wir planen, zu der Zeit den Kleinen Belt hinter uns gelassen zu haben und im Båring Vig, oberhalb von Fünen, zu ankern.

Es kehrt das erste Mal in dieser bisher munter fröhlichen Woche Ruhe auf dem Schiff ein. Die Sonne brennt über unserem Rast-Ankerplatz, die Stärke der Strömung nimmt uns den Mut zum Baden. Unter dem Sonnensegel suchen sich alle nach und nach einen Ruheplatz. Ich selbst verlege ihn von den Aufbauten auf das Achterdeck, windgeschützter, denn jetzt gerade frischt es etwas auf. Meinen Kopf bette ich auf einem Festmacher. Ich döse, doch so richtig einschlafen kann ich nicht. Viel zu gespannt bin ich auf die Nacht, kann kaum das Abendessen erwarten. Als wir dann endlich loslegen, lässt der Wind uns wieder im Stich – spiegelglatte See.

Der Sonnenuntergang begleitet unser Anker-Lichten, wir setzen Fock, Klüver, Großsegel. Mehr ist bei einer Nachtfahrt auf Mytilus nicht zugelassen. Der Sonnenuntergang taucht unsere Aktivitäten in ein immer satteres Gold, bis wir die Dunkelheit schließlich daran bemerken, dass wir die Seekarte nur noch mithilfe der Taschenlampen lesen können. Ansonsten gewöhnen sich die Augen an das abnehmende Licht, der Horizont leuchtet noch grün-gelb-rot. Kaum haben wir die Segel gesetzt, steht der erste Wachwechsel schon bevor. Schnell wird noch eine Runde Mitternachtssnacks vorbereitet, denn die erste Wache würde am liebsten noch ein wenig wach bleiben. Warum, beantwortet sich zu Mitternacht. Die Gitarre taucht an Deck auf, sie singen ein Geburtstagsständchen. Der Rudergänger verspeist mit Freude einen Happen Keks-Schokocreme-Banane-Zimt-Torte. Dann wird gewechselt.

Noch müde aus den warmen Kojen gekrochen, erzeugen vier neue Teilnehmende eine ruhige, nun nächtliche Atmosphäre. Wir sitzen oder stehen nur da und schauen. Kurz halte ich meinen Atem an, um die Stille besser hören zu können. In der Ferne rufen Vögel nacheinander. Wir können sie über die Bucht fliegen hören, die Antwort bestimmt einige Kilometer entfernt. Alle sind wir sehr still, als Schweinswale um uns herum auftauchen. Ihr Atem wiederum ist mehrere hundert Meter weit zu hören, ihre dunklen Rückenflossen tauchen aus dem stillen Wasser auf. Wenn sie wieder abtauchen, können wir uns ihrer Präsenz sicher sein, da das sonst so glatte Wasser ihre Bewegungen unter Wasser mit dunklen Ringen auf der Wasseroberfläche offenbart. Wieder atmet einer, nun immer näher auf das Boot zukommend. Niemand spricht nunmehr ein Wort, die sonst freudigen Rufe über die Entdeckung der Wale bleiben aus. Ich glaube, wir spüren alle diesen wunderbaren Moment, den wir dort erleben dürfen. Leises Flüstern richtet die Aufmerksamkeit auf den abnehmenden Wind. Fock und Klüver hängen bewegungslos herunter. Das Fahrwasser verengt sich, denn an Steuerbord wollen wir eine Insel lassen. Sie nimmt uns den letzten Windhauch, doch der Strom wird stärker, vor der Insel wirbelt das Wasser. Der Rudergänger merkt an, dass das Schiff sich zu drehen beginnt. Zu siebt sitzen und stehe wir ums Kartenhaus herum und beobachten, wie die Mytilus sich gemächlich nach links dreht. Bis sie sich schließlich quer zur Fahrtrichtung einpendelt und seitlich weitertreibt. Mit Großsegel, Fock, Klüver und drei Knoten Fahrt. Unsere Blicke, die sonst nach vorne zeigen, richten sich nun auf die umgebenen Bäume, die wiederum glatte See und die eigene Spur auf dem zurückgelegten Weg. Gerade in dem Moment, als zwischen den dunklen Uferstücken ein blutroter Mond über dem Wasser aufgeht. Er soll uns die ganze Nacht über begleiten.

Der schwindende Wind und das zunehmend schmalere Fahrwasser fordern uns dazu auf, die Segel herunterzunehmen und den Motor anzuschmeißen. Die Leuchtfeuer werden zum wichtigsten Anhaltspunkt. Konzentriert sucht das Navigationsteam nach den Lichtsignalen an den Ufern, mal zwischen den Bäumen, mal inmitten einer von sich aus an vielen Stellen blinkenden Fabrikanlage. Das Navigieren nach Lichtern ermöglicht eine ungekannte dauerhafte Präzision. Sobald allen Teilnehmenden das Prinzip der sich überschneidenden Lichtkegel nahegebracht wurde, freuen wir uns alle gemeinsam wie kleine Kinder über jeden Farbwechsel von Grün auf Weiß auf Rot.

Doch die Kälte kriecht langsam in mir hoch. Gerade als ich sie bemerke und eine Teilnehmerin und ich uns zum wiederholten Male nach einem großen Gähner meinerseits verschmitzt angrinsen, merke ich, wie auch meine Augenlider schwer werden. Dabei sollen es noch gute zwei Stunden bis zum Sonnenaufgang sein, den ich so gerne sehen würde. Kurz überlege ich, mich in meinem Ölzeug auf dem Vordeck zusammenzurollen und mich an den dort gesicherten Klüver zu kuscheln. Doch das regelmäßige Tuckern des Motors lockt mich mehr. Schon mehrfach beneidete ich die schlafende Wache 1 im Vorschiff. Das Gefühl, dort zu liegen, während die Mytilus vor sich hintreibt, muss sich in meiner Kindheit eingebrannt haben. Und nun als Anwärterin hätte ich dafür den Premium-Platz: Die Koje direkt am Motor. Die kurze Zahnputz-Session auf dem Vordeck dehnt sich um das Zehnfache aus, denn obwohl wir sie schon seit dem Ankerplatz sehen konnten, öffnet sich nun die letzte Schleife hin zu den beiden Lillebælt-Brücken: die »Gamle Lillebæltsbro« aus 1935 und die »Nye Lillebæltsbro« aus 1970 mit einer Länge von 1.700 Metern. Gemeinsam mit einem der rund 3.000 im Kleinen Belt lebenden Schweinswale tauchen wir unter der älteren Brücke hindurch, über die gerade ein Zug rollt. Es ist 02:30 Uhr, bisher sind wir keinem anderen Schiff begegnet. In Skærbæk, Middelfart, Erritsø, Fredericia, die die Meeresenge umgebenen Städte, sehe ich viele Lichter, aber keine Menschen. Die knapp drei Kilometer bis zur neuen Brücke höre ich einzelne Trucks die Brücke queren. Ihre Scheinwerfer gleiten über uns hinweg, als wir 42 Meter unter ihnen die Fahrbahn kreuzen. Mein Architekturherz hält das sonst tief in der Koje vergrabene Handy bereit. Dieses Ereignis will ich stolz in der Heimat präsentieren können.

Lange hält mich selbst diese Brücke nicht mehr. Ich krieche in meine Koje und lege meinen Kopf neben den brummenden Motor. Schön warm ist es hier unten. Schnell stelle ich noch einen Wecker für eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Zwei Stunden Schlaf sollten für diese Müdigkeitswelle reichen. Sobald wir vor Anker liegen, sollten wir ausschlafen können. Ein besonderes Gefühl von Geborgenheit stellt sich ein. Früher war es der eigene Papa, der das Schiff in den Hafen führte, wenn unsere Bettgeh-Zeit schon erreicht war und wir mit den anderen Kindern des Familientörns in unseren Kojen lagen. Heute umgibt mich eine andere Gruppe engagierter Teilnehmender und Vereinsmitglieder. Aber die Leidenschaft für das Schiff, die Gewissenhaftigkeit und Akribie, mit der sie das Schiff führen und somit mein Vertrauen in die Personen an Deck, ist so groß wie damals. Innerhalb weniger Minuten muss ich eingeschlafen sein.

Ich werde davon wach, dass der Motor ausgeht. 05:30 Uhr. Meinen Wecker habe ich überschlafen, der Motor muss ihn übertönt haben. Schnell recke ich meinen Kopf aus dem Niedergang. Die Sonne steht schon um einiges über dem Horizont. Barfuß laufe ich über das bereits angewärmte Deck und überlege, mich in Schlafsachen und mit einem Tee dem fortgeschrittenen Sonnenaufgang zu widmen. Doch vom Vordeck kommt mir die Wache 1 in ihren Rettungswesten entgegen. »Der Wind ist wieder da!«, freut sich ein strahlender Skipper. Mein spontanes »Oh« klingt enttäuschter, als ich es meine. Schnell ziehe ich mir Klamotten über und schlüpfe in meine Rettungsweste. Auf mit dem Anker, heiß auf Fock und Klüver. Ich darf das Beiliegen einleiten, dann setzen wir das Groß. Ich kann nicht mehr sagen, ob ich eigentlich müde bin. Ich freue mich auf die Eindrücke, die dieser angebrochene Tag bringen wird. Aber mit einem neuen Glücksgefühl, das ich aus der Nacht mitnehme. Denn: Ich wollte schon immer einmal eine Nachtfahrt machen.

Clara Grothkopp, Bootmensch-Anwärterin auf dem Törn in KW 30 mit der Gruppe RJB Baden-Württemberg, Alexander (Schiffsführer) und schnitzl (Bootsmensch)

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